Plädoyer für Freiheit in der Arbeit!

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Warum Arbeit?

Weil du ein Mensch bist,
arbeitest du.
Arbeit entspricht dir.
Sie begründet deinen Lebensunterhalt,
Sie fordert dich heraus,
Sie füllt deinen Tag. Sie braucht Pausen, den Wechsel.
Sie verbindet. Gestaltet. Gibt Struktur,
deinem Leben
der Gesellschaft.
Sie schafft Freiheit. Unabhängigkeit.
Fülle.

Wie, Arbeit?

Weil du ein Mensch bist,                                                                                                                 soll deine Arbeitsweise menschlich sein.                                                                            Sorgsam mit dir umgehen, deine Gesundheit achten.                                                               Die Arbeit soll Verlässlichkeit bieten und Entwicklung.                                        Angemessene Entlohnung. Faire Konditionen.

Kirche, warum?

Weil wir ahnen, wie es sein könnte, wenn alle ein gutes Leben haben. Weil wir nicht aufhören können, uns dafür einzusetzen.

Weil wir jeden Menschen in seiner ganzen Person anerkennen. Mit seiner Erwerbsarbeit, Hausarbeit, Familienarbeit, mit seiner Lebensgestaltung,

entlohnt oder nicht, betrachten wir die Welt und sehen: Niedriglöhne, sachgrundlose Befristungen, prekäre Arbeitssituationen, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit.

Dies nehmen wir nicht hin. Wir setzen die „Arbeitsbrille“ auf.

Wir sprechen über die Arbeit der Menschen. Wir schaffen Orte des Austauschs und der Entlastung. Wir setzen uns ein für eine andere Pflegepolitik, für eine neue Sichtweise auf Arbeitsbedingungen, für verlässliche Strukturen und ausreichenden Lohn.

Wir stärken und unterstützen Menschen allen Alters, vom Kleinkind und der Erzieherin in der Kindertagesstätte über die Schülerinnen und Schüler in Ganztagsschulen, alle Beruftstätigen bis hin zu den Rentnerinnen und Rentnern in oftmals prekären Situationen.

Wir stärken und bewahren den Schwerpunkt „Pastoral der Arbeit“ in allen Arbeitsfeldern und auf allen Ebenen gesellschaftlichen Handelns.

Zum Wohle aller.

 

Ein Gedicht als Feiertags-Gruß

Gerusalemme, Israele: vista della Cupola della Roccia e della città vecchia, disegnata a mano

 

Die Pole

sind in uns,
 unübersteigbar
 im Wachen,
 wir schlafen hinüber, vors Tor
 des Erbarmens,

ich verliere dich an dich, das
ist mein Schneetrost,

sag, dass Jerusalem ist,

sag's , als wäre ich dieses
dein Weiß,
als wärst du
meins

als könnten wir ohne uns wir sein,

ich blättre dich auf, für immer,

du betest, du bettest
uns frei.

(Paul Celan, Zeitgehöft. Späte Gedichte aus dem Nachlass. Frankfurt a. M. 1976, 43. Bild von Fotolia)

Ein Raum, in den wir hineingehen. Das ist ein Gedicht. Unvermittelt betreten wir ihn hier, ohne Überschrift.

Wir umgeben uns mit den Worten, und lassen einige vielleicht an uns abperlen. Oder ziehen sie an uns heran, oder werden getroffen einmal, mehrmals, oder ,nur‘ berührt.Wenn wir den Raum wieder verlassen, werden wir andere sein.

„Die Pole“, das lässt an Gegensätze denken, Süd- und Nord-, dann sehen wir weiter: „sind in uns“. Widerstreitendes, widerstrebendes, verschiedene Anteile, ja, kenne ich, und kennen wohl auch andere, sind nicht nur in mir, sondern in „uns“.

„Unübersteigbar“ sind sie, die Pole, es wird bildlich, wie Berge stelle ich sie mir vor, über die man nicht so einfach drübergehen kann, nein, sogar gar nicht. Unübersteigbar. Ein neues Wort. Hart. Ausschließlich. Ich denke an Unübersteigbares in meinem Leben, meinen Beziehungen, an Brüche, an Unverständnis, an Lieblosigkeit. Und an die Unmöglichkeit, manches zu tun, was doch so gut wäre.

„Unübersteigbar/im Wachen“, wird es nun präzisiert, und damit, aha, auch weicher, ist das Übersteigen doch möglich?

„Wir schlafen hinüber, vors Tor“: Ein neuer Gegensatz: nicht im wachen, reflektierten, vernünftigen, aktiven Zustand, nein, nur im Schlafen gibt es ein „hinüber“, und dann sind wir vor einem „Tor“.

In der nächsten Zeile: „des Erbarmens“. Das „Tor/des Erbarmens“, da sind wir dann. Die eben betrachteten „Unübersteigbarkeiten“, die Brüche, die Narben, die unerfüllten Träume und die harten Realitäten, gelangen letztlich vor ein Tor des Erbarmens. „Erbarmen“, ein so altes Wort, ein anziehendes Wort, freundlich, liebevoll. Da, wo man die Narben zeigen kann.

Jetzt ein Absatz und ein neues, ein „Ich“.

„Ich verliere dich an dich, das/ ist mein Schneetrost“.

Rätselhaft bleibt mir diese Zeile. Dich zu verlieren, ja, das kenne ich. Ich habe Menschen verloren, auch geliebte. Darin liegt ein Trost? Ein sehr spezieller, ein „Schneetrost“. Das Wort gefällt mir wohl, denn Schnee hat in der Tat etwas Tröstliches, denn er wirkt weich und weiß und bedeckt alles Hässliche, und doch ist er nur kalt und löst sich bei Berührung sofort auf. Ein Gegensatz zum Erbarmen.

Es ist ein Trost, der nicht trägt, würde ich sagen, dass ich dich an dich verliere, dass du bei dir bist, ganz bei dir, dass du gehst.

Jetzt kommt die zentrale Zeile: „sag, dass Jerusalem ist“ . Das „ist“ wurde im Original auch hervorgehoben. Jemand wird angesprochen, vielleicht das verlorene Du. Sag etwas, du, sag dass Jerusalem „ist“.

Du, der du gerade im Schlaf das Unübersteigbare überstiegen hast, du weißt es doch, das, was niemand sonst weiß: Ist Jerusalem?

Besteht Jerusalem? Gibt es Jerusalem wirklich?

Und dies mit allem, was Jerusalem für Celan bedeutet haben mag, und jetzt auch für dich und mich bedeuten kann: ein Sehnsuchtsort vielleicht? Ein heiliger Ort? Ein Ort der Verheißung, der Transzendenz, der Gottes-Begegnung?

Wiederholt wird es, insistierend: „Sag’s, als wäre ich dieses/dein Weiß“.

Die ganze Geschichte wendet sich nun, auf die Beziehung zwischen einem Ich und einem Du. Im Konjunktiv: „als wäre ich… als wärst du“

Ich spekuliere nun: Wenn es Jerusalem gibt (und damit den Ort, an dem das Tor des Erbarmens steht), wenn es die Überwindbarkeit von Unüberwindbarem gibt (also Jerusalem), dann gibt es auch eine Chance für uns.

„als wäre ich dieses/dein Weiß,/als wärst du/meins// als könnten wir ohne uns wir sein“

Wenn du es sagst, kann es sein: das Wir. „Als könnten wir ohne uns wir sein“. Das ist paradox. Wir sind wir, ohne uns sind wir nicht.

Vielleicht denkt er an ein Wir, das existiert ohne unser Zutun. So wie das Schlafen ja auch ohne unser Zutun ist.

Damit bin ich noch nicht fertig, mit diesem Vers.

„Ich blättre dich auf“. Aufblättern, das macht man mit einem Buch. Ich denke aber auch an entblättern, so wird es erotisch, liebevoll. Es ist ein Tun mit den Händen, etwas Ganzes: Ich tue dies mit dir, sorgsam.

Und „für immer“.

Das ist ja das, was man sich von einer Liebesbeziehung ersehnt, die Ewigkeit, und eben keine Schmerzen, Narben, Brüche.

Jetzt die letzten beiden Verse, die beschreiben, was „du“ machst.

„Du betest, du bettest// uns frei“

Kleines Wortspiel, beten und betten. In Jerusalem liegen diese Dinge nah beieinander, das Beten und das Betten, es klingt nach einer Liebeserklärung, ich blättre dich auf und du bettest uns frei, und betest uns frei. Das Wort „frei“ zieht für mich Verbindungslinien zu allem vorher. Es ist wie ein Schlüsselwort, denn das ganze Gedicht dreht sich doch darum, um Freiheit.

Eine Beschreibung des Lebens. Mit seinen Gegensätzlichkeiten in uns, der Sehnsucht nach dem Großen, dem „Erbarmen“, der Auflösung alles Schmerzlichen, und doch bleibt alles zutiefst fragil, schnee-weiß, „als könnten wir“.

Ich verlasse den Raum dieses Gedichts nun wieder, mit neuen Worten im Ohr und einer aufmerksamen Haltung, eingeübt durch die rätselhaften Worte, im Hören auf das, was sie in mir aufdecken und erobern.

Die Sprache und die Liebe, daraus besteht für den Dichter Paul Celan der doppelte Grundzug des Menschen. Und es gibt für ihn einen Ort in der Welt, der ihn an diese so besondere menschliche Verfasstheit erinnert, einen Ort, der gleichzeitig völlig schmutzig-real und durchbetet-himmlisch besteht, zerteilt und zerstört, und doch Sehnsuchtsort und Ziel von Verheißung. Klar, Jerusalem.

Zu sprechen und zu lieben, das ist etwas, womit wir niemals aufhören sollten! Sage ich, das liegt mir am Herzen, in diesem Jahr ganz besonders. Die Debatte wagen, dem eigenen Wort trauen.

Wegen Jerusalem, wegen Europa, wegen der Demokratie, wegen der notwendigen Klärungen von Positionen, wegen des dringend erforderlichen Mutes, wegen der Augenhöhe, wegen der Gastfreundschaft, wegen der Freunde in den USA, wegen der Kinder, die wir großziehen und wegen Facebook. Und wegen des großartigen Geschenks, das wir „Leben“ nennen.

 

Wunschzettel- Gedanken 2017

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In den alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, lebte beispielsweise ein König. Über ihn würden wir so einiges erfahren wollen. Über seine Familienverhältnisse, seine Wohnsituation, seine äußere Erscheinung, und vielleicht auch über seine Wünsche, die im Märchen in der Regel in Erfüllung gehen, wenn auch manchmal anders als gedacht.

So beginnen viele Märchen den Gebrüdern Grimm sei Dank mit dem geflügelten Satz… „als das Wünschen noch geholfen hat“. Es scheint zusammenzugehören, das Wünschen und dass es auch etwas bringt, dass es etwas hilft, oder jemandem nützt, das Wünschen. Und erfüllt wird, natürlich.

Kürzlich ein Besinnungstag, mit einer Gruppe fröhlicher und nachdenklicher Menschen, die sich gerne eine Geschichte über das Wünschen vorlesen ließen.

Darin eine junge Frau, der von einem unbekannten Herrn ein Wunsch erfüllt wird. Wir erfahren nicht, welcher. Allerdings erfahren wir allerlei über die Gegebenheiten drumherum: Die Frau ist zwanzig Jahre alt, sie ist frisch getrennt und ziemlich allein auf der Welt, sie wirkt als habe sie keine besonderen Pläne, sondern sei eher ratlos, wie es so weitergehen könnte. Sie ist eher ängstlich, vorsichtig, und sie ist darauf bedacht, alles richtig zu machen. Und sie ist so klug, dass sie sich nicht wünscht, schöner, reicher oder klüger zu sein, da sie befürchtet, nicht zu wissen, wie damit umzugehen sei.

Aus dieser Geschichte, einem modernen Märchen wenn man so will, des Schriftstellers Haruki Murakami aus Japan, folgen intensive Gespräche: Über die eigenen Wünsche, als man zwanzig war. Und wie es heute damit aussieht. Über Sehnsüchte. Und über Zufriedenheit, und ob man sie sich selbst schaffen kann oder nicht.

Ärgerlich, nicht zu wissen, was sie sich wohl gewünscht hat, die einsame Zwanzigjährige am Anfang ihres Erwachsenenlebens.

Denn es wäre ja schön, zu wissen, was andere sich so wünschen, dann kann man sich daran orientieren. Wenn man an die eigenen Wünsche denkt, muss man in der Tat, sich selbst ernst nehmen. Auf welcher Ebene liegt das, was ich mir wünsche? „Brauche“ ich es wirklich? Kenne ich meine Sehnsucht überhaupt? Wie schnell bin ich zufrieden? Wie realistisch sind meine Wünsche einzuschätzen? Und noch mehr: Wer wird sie mir erfüllen?

Jemand aus der Gruppe entdeckt und formuliert, dass Nähe entsteht zwischen den Wünschenden und demjenigen, an den der Wunsch sich richtet.

Das Mädchen aus der Erzählung kommt dem fremden Mann nur kurz ganz nahe, über dieses eigenartige Angebot, ihr einen Wunsch zu erfüllen, was auch immer er umfasst. Denn sie zeigt dadurch etwas von sich, umso tiefer der Wunsch in ihr verwurzelt ist, umso mehr. Und vertraut ihm dies an, in der Hoffnung, dass er diesen Wunsch ernst nimmt. Und er wiederum wendet sich ihr so zu, dass sie ihm tatsächlich vertrauen kann.

Jetzt denke ich, dass dies alles rund um Weihnachten lebendig ist und überall praktiziert wird. Zu ernst sollte man sich selbst dabei nicht nehmen und im gegenseitigen Schenken ein wenig entspannt bleiben, das geht auch schon mal schief oder wird missverstanden. Wünsche bleiben offen, Beziehungen werden dadurch wackeliger, vielleicht erhalten sie sogar einen Knacks.

Wünsche zu haben, gehört ganz offenbar zum Menschsein, zum Lebendig sein, dazu. Ihre Erfüllung allerdings nicht.

Das erzählt jedenfalls die Geschichte von Weihnachten: Zwar kommt der Sohn Gottes zur Welt, aber daraus folgt keineswegs das geradlinige und strahlende Heldenepos. Alles bleibt ein großes Schlamassel, Maria und Josef finden keine Herberge, dann gibt es den Stall, und Engel und Hirten, und es klappt doch irgendwie, und dann kommen ja sogar die Kölner Könige, die drei, mit Geschenken, die sich die kleine Familie sicher nicht so gewünscht hat, aber die natürlich hinweisen auf das je Größere. Das im Übrigen grandios Scheitern wird.

Das Geheimnis von Wünschen (und Geschenken) liegt dann wohl auch hier: das je Größere zu denken, zu ahnen, zu vermitteln: Ich sehe in dir etwas Wunderbares (obwohl du das nicht immer bist, und deshalb schenke ich dir..) Ich wünsche mir etwas Wunderbares für mein Leben (weil ich weiß, dass es glanzvoll sein sollte, und das kann auch in ganz kleinen elementaren Dingen erfahrbar sein, dazu braucht es keinen Lottogewinn).

Und auch wenn es hundertmal nicht erfüllt wird, so sind es doch die Wünsche, die mich lebendig machen, übrigens ebenso die Erinnerungen.

Wer keine Wünsche mehr hat, hat aufgegeben. Wünsche lassen Möglichkeiten zu, sehen die Welt als einen schimmernden Raum voller Optionen, als Wundertüte, als …

Man darf sie nur nicht zu ernst nehmen. In der Balance liegt auch hier der Weg.

Wünschen ist wie schaukeln. Eigentlich sinnlos, und doch so großartig, luftig, leicht, hoch und runter, mit einem vollendeten Absprung, den nur die Kinder so richtig hinkriegen.

Überraschende Wendung

Berries cherries on a branch in the summer rain, macro

 

Wie heute von Gott sprechen?

Über diese Frage haben sich viele schon wahrhaftig den Kopf zerbrochen. Ich eingeschlossen, denn wenn man so Theologie treibt, dann kommt man einfach immer wieder daran, stößt an eine Grenze des Denkens, kommt an ein Ende der Vernunft, schlägt sich mit Gefühlen herum, die mit Gotteserfahrungen verwechselt werden können.

Stochert im Nebel. Fragt sich wie man verantwortlich von Gott sprechen kann, heute. Ob es nicht in der heutigen Zeit angeraten ist, von Gott zu schweigen.Oder mit anderen an ihm zu zweifeln. Nach Sinn zu schreien, nach Sichtbarkeit. Kirchenleute sprechen manchmal seltsam, das weiß jeder, salbungsvoll, in ungewohnten Worten, und leider oft vorbei an dem, wie normale Menschen heute so reden.

Oft sind allerdings die Hoffnungen, die auf einer neuen, zeitgemäßen Sprache lasten, etwas überhöht, denn Sprache ist ja nicht nur Verpackung. Und die Inhalte von Kommunikation über Gott sind halt auch ziemlich komplex, und das liegt nicht nur an der vielfach sperrigen Institution Kirche, sondern auch am Thema an sich: Über Gott zu sprechen ist schwierig, denn woher weiß man schon was über dieses Phänomen „Gott“, welche Bilder stecken dahinter, welche Geschichten, vielleicht eigene Erlebnisse, die gedeutet werden?

Kürzlich wurde ein Mann eingeladen, zu diesem Thema „Wie heute von Gott sprechen“ sich zu äußern, und zwar in einem Kreis von Kirchenleuten.

Das heißt man stelle sich vor, alle die da waren hatten sich zu diesem Thema sicher schon oft den Kopf zerbrochen und erwarteten weitere kluge Gedanken dazu (im Sinne von: „Von Gott sprechen heißt die Wirklichkeit ins Wort bringen.“ ) oder vielleicht sogar heiße Thesen (a la Erik Flügge, „die Kirche verreckt an ihrer Sprache“).

Man saß im (unvermeidlichen?) Stuhlkreis und der Referent blieb auch sitzen, und fing an zu reden, als ihm das Wort erteilt wurde. Er begann kirchlich-klassisch wenig überraschend mit Bibelgeschichten, und dann erzählte er weiter und alles war völlig ruhig und floss so dahin und man konnte ihm gut zuhören. Und dann war es schon vorbei.

Und ich schüttelte mich ein bisschen, vor Überraschung, und dachte: Das war aber sehr unspektakulär.

Und was er gesagt hatte, sickerte so langsam in mich hinein. Ich habe kein prägnantes Zitat aufgeschrieben, weil ich keins gehört habe, deswegen in meinen Worten, was ich verstanden habe: Er sagte, heute von Gott sprechen geht so, dass man mit anderen zusammen ist, mit ihnen redet, bei ihnen bleibt, wenns schwer ist oder schön. Dass man in ihrer Sprache mit ihnen redet, über das, was sie betrifft. Er übersetzte „Wahrheit“ mit „Wirklichkeit“. Und Jesus sei eben in dieser Wirklichkeit.

Ja, und das wars. Nicht mehr, aber auch keinesfalls weniger.

Ich fands großartig. Unzählige Situationen fallen mir und den KollegInnen in der Kleingruppe ein, in denen wir das ja schon tun. Versuchen. Nicht wegzulaufen. Erschütterbar zu sein. Nicht die Hauptperson zu sein. Für den Raum zu sorgen. Zeit zu haben.*

Und so freundlich daran erinnert zu werden, dass „von Gott reden“ vielleicht gar nichts Größeres, Intellektuelleres, Komplizierteres sein muss, hat mich sehr beeindruckt.

Danke an P. Christoph Mingers, Franziskaner und Leiter des Exerzitienhauses St. Thomas in Trier, und allen Teilnehmenden des Diözesanen Studientages Geistliche Begleitung im Bistum Aachen, der am 19. Mai 2017 im Bischof Hemmerle Haus stattfand.

(*einige Worte in diesem Absatz inspiriert aus dem Text: Geh über die Dörfer von Peter Handke, der nicht im Vortrag vorkam, aber mir etwas bedeutet).

Rückwärts

Gekochte Pellkartoffeln

 

Ein Mittwoch war es, und wir trafen uns in einem Kloster.

Ein paar Leute, ein oder zwei kamen direkt von der Arbeit.

Ein Gebäude, das zur Hälfte verkauft ist, und umgebaut wird. Einige wenige Ordensleute, erkennbar an ihren braunen Kutten. Ein Raum unter dem Dach mit einer Kuppel, durch die man in den Himmel schauen kann.

Man entschuldigte sich mit der Größe der Kartoffeln für die Einfachheit der Mittagsmahlzeit: bereits gepellt, mit Kräuterquark und grünem Salat. Es war der erste Tag nach Karneval, der sogenannte Aschermittwoch, 40 Tage vor Ostern, falls das eine Bedeutung hat.

Wir hatten Asche da und saßen zusammen. Und waren vorsichtig miteinander und sprachen ein wenig und fühlten uns selbst. Und es ging um Türen, die sich öffnen, ohne unser Zutun. Und um das Warten darauf, dass dies passiert. Und überhaupt darum, dass wir nicht alles selbst machen können oder sogar müssen, sondern dass wir auch mal die Hände in den Schoß legen können und abwarten.

Wenn wir glauben, dass es einen guten, freundlichen Gott gibt, macht das sogar ein wenig Sinn.

Und dann war da die Geschichte von dem Mann, der gelähmt war, der getragen wurde von vier Männern, hingebracht bis zu Jesus. Aber dort war es zu voll, da wollten alle hin, und die Männer überlegten kurz, und dann kletterten sie auf das Dach des Hauses, in dem Jesus war, und deckten das Dach ab und brachen die Decke durch und kamen so an ihn heran.

Und tatsächlich hat dieses doch sehr rabiate Vorgehen Erfolg: Jesus bringt den gelähmten Mann dazu, aufzustehen und sogar zu gehen.

Ich mag das: Das ungewöhnliche Vorgehen, die Hartnäckigkeit, die neue Idee, die darin liegt. Ich mag die Dynamik, die im Kontrast zur Lähmung liegt.

Die Geschichte klang nach, die Worte lagen auf dem Boden: treffen, gelähmt, getragen, aufstehen, gehen, noch nie gesehen.

Und wir sprachen über die Erfahrungen, die wir mit diesen Worten haben.

Aber dann bemerkte eine der Frauen im Raum: Man könnte die Geschichte auch rückwärts lesen, dann könnte ich mehr damit anfangen. Schließlich kann man meistens gehen, und sein Leben meistern, und dann, an irgendeinem Punkt, oft gegen Ende, kommt die Lähmung, das ans Bett gefesselt sein, die Unbeweglichkeit.

Und was ist dann? Fragt sie.

Die Frage steht im Raum.

Rückwärts gelesen funktioniert die Geschichte auch. Oder? Wenn die Lähmung bleibt, bleiben die, die tragen.

Das war einhellige Meinung. Wer das Glück hat, solche Menschen zu haben.

Ein Mittwoch, der erste im März, noch kühl, ein stürmischer und wolkenverhangener Tag.

Voller Geschmack nach Pellkartoffeln mit Quark. Und der Hoffnung, dass der Staub, aus dem wir alle sind und zu dem wir alle wieder werden, von irgendwoher belebt und sinnvoll gemacht wird, und zwar durch uns selbst.

Trump spirituell gesehen

 

Great again. Slogan related to american election.

Man kann ihm dankbar sein, sagt die Frau. Man muss ihm dankbar sein.

Denn er ist wie ein Alptraum. Sagt sie. Der unangenehme, erschreckende, angstauslösende Alptraum, der aber wichtig ist für mich, weil er mich auf etwas aufmerksam macht.

Auf eine ungelöste, verknotete, verkrümmte Stelle in meinem Innern. Auf etwas in meinem Leben, das ich mir angucken muss. Er ist ein spiritueller Lehrer.

„Wenn ich also meinen spirituellen Lehrer angreife, der mir so gnädig zeigt, was ich in mir selbst sehen muss, wenn ich auf ihn oder seine Anhänger mit Zorn, Lächerlichkeit, Hass und Schuld antworte, habe ich in der Tat das Ego gewählt, eingeweiht und eingesetzt in meinem Oval Office. Ich halte den Trugschluss der Getrenntheit lebendig und sorge dafür, dass der Alptraum weitergeht.“ So die Frau.

Und was ist es, was er mir zeigt?  Er karikiert alles, was unter dem Wort „Ego“ zusammengefasst werden kann. Und gibt mir so keine Möglichkeit mehr, selbst auch nur noch in kleinen Anteilen wenigstens auch so zu sein. Er hilft uns dabei, der Wahrheit über uns selbst ins Auge zu sehen.

Doch es geht dabei nicht nur um den persönlichen Alptraum, dieser ist vielmehr ein globaler. „Wir glauben, dass wir besser sind als sie und dass unser Reichtum, Einfluss und militärische Kraft uns groß macht. Ist es ein Wunder, dass so eine Vermessenheit die Angriffe von anderen hervorruft (…) Aber was könnte passieren, wenn wir plötzlich aus unserem eigenen Ego-Traum aufwachen? (…) Was wäre, wenn es uns (US) dämmern würde, dass unsere Größe nicht in Reichtum oder in militärischer Macht liegt, sondern in der Fähigkeit, die richtige Wirklichkeit zu erkennen und auszudrücken, nämlich dass wir alle auf diesem Planeten eine voneinander abhängige Gemeinschaft von Gleichen sind?“

Was die US-Amerikanerin und spirituelle Lehrerin Patricia Pearce da schreibt, macht betroffen. Der, von dem sie spricht, ist kein Traum, sondern Realität und wurde vor wenigen Tagen als Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt.

Und wir alle, die ganze Welt, muss sich dazu verhalten.

Wer im Leben unterwegs ist und sich über seine eigene Spiritualität definiert, weiß, dass diese sich fortwährend wandelt. Es passieren Dinge, es verändert sich etwas, und darauf muss der Mensch reagieren, sich umformen. Spirituell in dem Sinne, dass er Veränderungen als „Ruf Gottes“ zu deuten versucht und sich innerhalb der Bezüge und Säulen, die er für sich entdeckt hat, darauf zu verhalten.

Geistliches Leben ist nichts Abgeschlossenes. Es ist vielmehr unabwägbar und kann stets scheitern, aber es stellt sich den Herausforderungen des Lebens und verschließt sich nicht davor.

Wir verstehen Spiritualität häufig nur noch als individuell, aber hier geht es um ein Thema, das alle betrifft. Mit welcher Haltung begegnen wir einer Veränderung, die viele von uns zutiefst erschreckt?

Vielleicht muss man nicht unbedingt die psychologische Kategorie des  „Alptraums“ verwenden.  Aber man muss von Politik, Religion und Recht in einem Atemzug sprechen, und sich der geistlichen Herausforderung zur Gemeinschaft, zur Gleichheit, zur Verantwortung füreinander auf dieser Welt ganz konkret aussetzen.

(Zitate aus der Übersetzung des englischen Originalartikels von Patricia Pearce auf „Huffingtonpost“, Übersetzung: UR/sein.de)

P.S. Dies ist ein Blog einer Einrichtung unter dem Dach der katholischen Kirche. 52 Prozent der Katholiken in den USA haben Trump gewählt. Er schien ihnen der Bessere zu sein, zur Verteidigung der Ehe, des Gewissens, der Freiheit der Kirche in der Gesellschaft von heute. Spirituell sehe ich hier die Notwendigkeit, zu erinnern, dass es der Kirche doch um die Freiheit aller Menschen geht statt nur um die Freiheit der Kirche in der Gesellschaft. Und dass wir endlich von der monotonen Verteidigung der Ehe absehen und stattdessen auf die Verteidigung der unabdingbaren Würde jedes differenziert zu betrachtenden  Lebens hinweisen und uns dafür einsetzen sollten.

 

 

 

 

Ein Stern geht auf

View of planet Earth from inside a space station(fotolia)

„Ist heute der 8. Tag?“ fragt mein siebenjähriger Sohn in aller Frühe. „Ja“, murmele ich noch schlaftrunken, höre ihn schnellstmöglich die Treppe hinunterlaufen und bekomme Minuten später etwas präsentiert, das definitiv aus Lego ist. Es ist grau und weiß und rund und erinnert entfernt an ein Ruder, also das Lenkrad eines Schiffes. „Es ist wohl etwas zum Steuern“, erkennt mein Sohn auch und beweist das, indem er eine Figur daran befestigt, mit ihren beiden Legohänden. Passt. Das ist gut, das könne er gut brauchen, für Luke Skywalker, der sich auf die Macht konzentriert, im feindlichen Universum von Todesstern I und II.

Mein Sohn legt das Steuerrad auf den Tisch, wohl zufällig auf den Zettel der örtlichen Pfarrgemeinde mit dem Aufruf: Sternsinger gesucht.

Irgendwie passt die Geschichte vom Krieg der Sterne besser zu unserem Advent in diesem Jahr als ich erst dachte. Sie wurde in den USA erschaffen, nach dem Vietnamkrieg. Eine Geschichte vom ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, angesiedelt in einer fernen Vergangenheit. Sie erzählt von echten Helden und was sie wirklich ausmacht. Und wer eigentlich die Macht hat. Woher sie kommt. Und was er oder sie mit dieser Macht anfängt.

Öffne deinen Mund für den Stummen,
für das Recht aller Schwachen!
Öffne deinen Mund, richte gerecht,
verschaff dem Bedürftigen und Armen Recht!
Sprichwörter, 31, 8-9

(es lassen sich hier viele Passagen aus der Bibel anführen, übrigens sehr schön im – neben Star Wars- ebenso empfehlenswerten Adventskalender http://www.advent-online.de mit dem Thema: „anders gerecht“.)