Fallen lernen

walnut macro
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Die Sonne stand noch nicht hoch und die Luft hatte diese besondere Durchsichtigkeit, wie sie nur kalten Herbsttagen gefällt. Über den Asphalt wehte der Wind kleine stachelig-runde Schalen. Vereinzelt Blätter. Dies und das von den Bäumen. Und der Nussbaum warf ein paar Nüsse auf die parkenden Autos. Ich sammelte sie ein, auf meinem Weg, jeden Tag, und brachte sie mit zurück zu meiner Tür. Im Korb an ihrer Seite sammelten sich nun schon an die zwanzig Stück, fast gleichartig vom Aussehen und der Größe.

Ich überlegte, warum ich das tat. Weil sie den Sommer entlang heranwachsen, in einem dicken weichen grünen Gewebe geborgen, und dann im Fallen aufplatzen. Weil sie hart sind und doch zerbrechlich, aber nicht mit der bloßen Hand, es braucht schon etwas mehr Kraft. Weil ihr Inhalt köstlich ist, und aus zwei gegenüberliegenden Hälften besteht, weil die weiße frische Nuss überzogen ist von einer etwas dunkleren haut, die sich abziehen lässt in diesen Tagen, und nur jetzt.

Den Fall der Nuss kann ich nicht beeinflussen. Jedes Jahr aufs Neue versetzt er mich in den Abschied vom Sommer und in die Vorbereitung auf den Winter, sie ist ein Symbol für eine Zwischenzeit, für das Sich Wappnen. Ich denke an mein eigenes Fallen, das ich nicht in der Hand habe.

Denke an das Glück, Dinge selbst bestimmen zu können. Denke aber an das viel größere Geheimnis von Dingen, die mir einfach so geschehen. Ich besitze keinen Nussbaum und doch fällt mir jeden Morgen auf dem Weg eine Nuss vor die Nase. Aber nur ein paar Tage im Jahr. Welche Nüsse fallen noch in mein Leben hinein? Welche sind zu knacken? Welche übersehe ich lieber? Welche treffen mich hart am Kopf? Was geschieht mir und schreit nach Aufmerksamkeit? Was mache ich damit?

Ein Gedanke zu “Fallen lernen

  1. Es steht mir nicht an, einen so schönen und klugen Text zu kommentieren. Aber ich kann erzählen von den Nüssen derselben Art, die in erheblicher Menge in einer Schüssel auf unserem Esstisch liegen. Ein lieber Mensch hat sie aufgehoben, sich für mich krumm gemacht, die Nüsse geknackt, sogar die braune Haut abgezogen, ein paar Handvoll Rosinen, Mandeln und Cashewkerne beigegeben, und Unsichtbares ist auch dabei. Wenn ich hereinkomme – fast immer mit diesem Bauchgefühl zwischen Hunger und Appetit – greift meine Hand zuerst ins Futter, (wenn die Studentenzeit auch lange zurückliegt). Kirchenleute nennen das Gnade…

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