Rückwärts

Gekochte Pellkartoffeln

 

Ein Mittwoch war es, und wir trafen uns in einem Kloster.

Ein paar Leute, ein oder zwei kamen direkt von der Arbeit.

Ein Gebäude, das zur Hälfte verkauft ist, und umgebaut wird. Einige wenige Ordensleute, erkennbar an ihren braunen Kutten. Ein Raum unter dem Dach mit einer Kuppel, durch die man in den Himmel schauen kann.

Man entschuldigte sich mit der Größe der Kartoffeln für die Einfachheit der Mittagsmahlzeit: bereits gepellt, mit Kräuterquark und grünem Salat. Es war der erste Tag nach Karneval, der sogenannte Aschermittwoch, 40 Tage vor Ostern, falls das eine Bedeutung hat.

Wir hatten Asche da und saßen zusammen. Und waren vorsichtig miteinander und sprachen ein wenig und fühlten uns selbst. Und es ging um Türen, die sich öffnen, ohne unser Zutun. Und um das Warten darauf, dass dies passiert. Und überhaupt darum, dass wir nicht alles selbst machen können oder sogar müssen, sondern dass wir auch mal die Hände in den Schoß legen können und abwarten.

Wenn wir glauben, dass es einen guten, freundlichen Gott gibt, macht das sogar ein wenig Sinn.

Und dann war da die Geschichte von dem Mann, der gelähmt war, der getragen wurde von vier Männern, hingebracht bis zu Jesus. Aber dort war es zu voll, da wollten alle hin, und die Männer überlegten kurz, und dann kletterten sie auf das Dach des Hauses, in dem Jesus war, und deckten das Dach ab und brachen die Decke durch und kamen so an ihn heran.

Und tatsächlich hat dieses doch sehr rabiate Vorgehen Erfolg: Jesus bringt den gelähmten Mann dazu, aufzustehen und sogar zu gehen.

Ich mag das: Das ungewöhnliche Vorgehen, die Hartnäckigkeit, die neue Idee, die darin liegt. Ich mag die Dynamik, die im Kontrast zur Lähmung liegt.

Die Geschichte klang nach, die Worte lagen auf dem Boden: treffen, gelähmt, getragen, aufstehen, gehen, noch nie gesehen.

Und wir sprachen über die Erfahrungen, die wir mit diesen Worten haben.

Aber dann bemerkte eine der Frauen im Raum: Man könnte die Geschichte auch rückwärts lesen, dann könnte ich mehr damit anfangen. Schließlich kann man meistens gehen, und sein Leben meistern, und dann, an irgendeinem Punkt, oft gegen Ende, kommt die Lähmung, das ans Bett gefesselt sein, die Unbeweglichkeit.

Und was ist dann? Fragt sie.

Die Frage steht im Raum.

Rückwärts gelesen funktioniert die Geschichte auch. Oder? Wenn die Lähmung bleibt, bleiben die, die tragen.

Das war einhellige Meinung. Wer das Glück hat, solche Menschen zu haben.

Ein Mittwoch, der erste im März, noch kühl, ein stürmischer und wolkenverhangener Tag.

Voller Geschmack nach Pellkartoffeln mit Quark. Und der Hoffnung, dass der Staub, aus dem wir alle sind und zu dem wir alle wieder werden, von irgendwoher belebt und sinnvoll gemacht wird, und zwar durch uns selbst.

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