Purzelbaum der Worte

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Nehmt euer Schreibzeug und schreibt…: Eine Möglichkeit, Gruppen oder Einzelne zu begleiten, liegt darin, einen „Flow“ im Schreiben zu erreichen. Und das  kann dann ungefähr so aussehen:

„Die freundliche Aufforderung lautet: Nehmt euer Schreibzeug, und schreibt assoziativ, unzensiert, zunächst ohne Form, nur für euch. Thema: „Ich an diesem Morgen“.

Ich musste an diesem Morgen extra einen Stift einpacken, weil ich sonst nur den Einkaufszettel mit der Hand schreibe. Aber es geht.

Aus dem Stift in meiner Hand fallen Worte, fließen Worte, werden Worte ausgespuckt, die auf dem Papier auf meinem Schoss landen und dann dort stehen.

Um diese Worte wird nicht gerungen, sondern sie werden so stimuliert, dass sie wie von selbst erscheinen.

Obwohl mir erst gar nichts einfiel, kamen doch irgendwelche Worte aus meinem Stift.

Ich hatte keine Lust, das Ganze in dann in die Form einer Geschichte zu bringen, und doch floss aus meinem Stift eine Geschichte auf mein Blatt.

Und diese Geschichte ist jetzt meine Geschichte.

Sie ist ganz mein eigenes, wie mein eigenes Blut oder mein eigenes Gesicht, und das Erstaunlichste:

Sie sagt mir was. Über mich. Sie ist besser als ein Spiegel, denn sie sagt mir was über meine Persönlichkeit. Meine Themen. Meine Widerstände. Meine Narben. Das was weh tut und das was beflügelt und alles was so dazwischen ist.

Und wenn wir uns diese Geschichten in der Gruppe vorlesen, dann merken wir, dass in jeder Geschichte der anderen etwas auch von mir drinsteckt. Fast überall kann ich anschließen, habe ähnliche Erfahrungen, lerne etwas über die anderen, über ihren Blick auf das Leben, ihre Erfahrungen.

Ein Purzelbaum der Worte, nach leichtfüßigem Verlassen des Stifts, in die Tiefe. Wo sie sich arrangieren zu einer Fortsetzungsgeschichte meines Lebens.“

Lust auf Sinn

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Dritter Mai 2016, im ehemaligen Zollhaus an der deutsch-belgischen Grenze. Ein Abend für die Sinne: fließende Lichtfelder drinnen und draußen, im warmen Wind wehende Äste, Eichenhecken, Abendsonne, jahrtausendealte Zyklopensteine, helle Räume, Blumen, Wasser.

Der Abschlussabend der Reihe „Lust auf Sinn – mit allen Sinnen auf der Suche nach Sinn“:

Ein besonderer Abend. Eine zufällig zusammengewürfelte Gruppe inspirierter und aufmerksamer Menschen.

Viele unerwartete Geschenke. Begegnungen. Worte. Aus-Blicke.

Zum Mitnehmen, zum Nicht-Vergessen, zum An-die-Sinne-denken und weiterverfolgen:

der Ozean im Fingerhut

Reichtum, Tiefe, Grenzenlosigkeit, erfahrbar in unserem kleinen Dasein, winzig, und doch da.

 

„Mach den Raum deines Zeltes weit, spann deine Zelttücher aus, ohne zu sparen. Mach die Stricke lang und die Pflöcke fest.“ so beschrieb es bereits der Prophet Jesaja.

Und die Mystikerin Etty Hillesum (1919-1943) sagt:

„Mein Gott, ich danke dir, dass du mich so geschaffen hast, wie ich bin. Ich danke dir dafür, dass ich manchmal eine solche Weite in mir spüre, denn diese Weite ist ja nichts anderes als ein Erfülltsein von dir.“

Danke an alle, die diese besondere Reihe ermöglicht haben, vor allem an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der sechs Abende! 

 

vorbehaltlos Angenommen sein

kreuzkirche_hildesheim

Was macht eigentlich … die Fachstelle für Exerzitienarbeit?

Zum Beispiel, die Bundestagung letzte Woche in Hildesheim. Aus allen Bistümern Menschen aus ähnlichen Bereichen. Exerzitien sind Räume „vorbehaltlosen Angenommenseins“, darüber ist man sich einig. Schwieriger die Frage nach Gott. Eine Definition: „offene Stelle“. eine andere: „die Christusmitte“. Auch „die Dreifaltigkeit“. Wo wirkt Gott hier und heute? Und wie kann die Beschäftigung mit dieser Frage Gemeinden beleben?

Eine Geschichte: Es geht zu Ende mit dem Kirchenchor. Die wenigen übriggebliebenen haben die 80 längst erreicht, und es klingt einfach nicht mehr gut. Jetzt „geistlich“ darauf schauen und sagen: Wir hatten eine gute Zeit. Wenn das Samenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt…. Das Ende bewusst gestalten. Die Gottesfrage wieder stellen.

Und zwar in folgendem Dreiklang:Die Welt sehen und verstehen, sich selbst ansehen und verstehen, Gott sehen und hören.

Diesen Dreiklang, der auf den heiligen Ignatius (den „Entdecker“ der Exerzitien) zurückgeht, haben wir vor und rückwärts durchbuchstabiert. Ausprobiert. Anspruchsvoll? Ja. Aber im Tun dann theologisch häufig eine Rolle rückwärts.

Wie die katholische Kirche nun mal ist. Sie bietet Räume vorbehaltlosen Angenommenseins an, verzichtet aber gleichzeitig nicht auf Vorbehalte. In dieser Spannung geht es weiter.

Oben ein Bild aus dem Kreuzgang der Kreuzkirche in Hildesheim.

 

heimat: sprachsplitter 5

„Mein Atem heißt jetzt. “      (Rose Ausländer, deutsch-jüdische Lyrikerin des 20. Jahrhunderts)

Female swimmer at the swimming pool.Underwater photo.

Wie heißt du? Wie heiße ich?

Hier „heißt“ der Atem.

Atem ist immer persönlich, immer Bedingung fürs Menschsein, immer im Wechselspiel von ein- und aus, immer ein Spiegel des eigenen Tempos.

Wenn man schon den ganzen Tag, die ganze Woche und vielleicht das ganze Jahr im Blick hat. Wenn man kaum durch den Tag kommt, egal aus welchen Gründen.

Dann ist doch immer nur Jetzt.

Andererseits gerade auch nicht. Wir leben immer mit dem Vergangenen im Gepäck. Und planen und hoffen und sorgen uns um die Zukunft.

In die Vergangenheit und in die Zukunft geht man nie getrennt. Sagt Anselm Kiefer, einer der bekanntesten deutschen Künstler. Sie gehören zusammen.

Und geben dem Jetzt die entscheidende Tiefe, entreißen es der Banalität.

Ihnen allen wünsche ich für das gerade begonnene Jahr einen langen Atem, die Chance auf ein angemessenes Tempo und einen liebevoll-realistischen Blick auf das „Jetzt“.

heimat – sprachsplitter 4

„Ich bin am Ziel meines Herzens angelangt / weiter führt kein Strahl“ (Else Lasker-Schüler)

Light
(fotolia)

Ein Vers, der versöhnt klingt.

Versöhnt mit aller Unruhe, mit aller Suche, allem Schmerz, allen Ungewissheiten. Endlich angekommen.

Wer kann das schon sagen?

Wer kann so auf sein Leben schauen?

Wann ist man am „Ziel seines Herzens“ angelangt?

Ich bin versucht, zu erwidern, dass ich doch nicht nur auf mein Herz hören kann. Ich kann mich doch nicht meinen Gefühlen allein hingeben, es muss doch auch gedacht werden und Klarheit geschaffen, und entschieden, damit ich irgendwann da bin, wo ich hinwill.

„Weiter führt kein Strahl“- es scheint Beleuchtung gegeben zu haben auf ihrem Weg, das beruhigt.

Etty Hillesum, die niederländisch-jüdische Lehrerin, deren Tagebuch „Das denkende Herz“ heute noch viele berührt, schrieb: „Mit Denken komme ich ja doch nicht weiter. Denken ist eine schöne und stolze Beschäftigung beim Studieren, aber aus schwierigen Gemütszuständen kann man sich nicht „herausdenken“. Dazu muß man anders vorgehen. Man muß sich passiv verhalten und horchen. Wieder den Kontakt mit einem Stückchen Ewigkeit finden.“

Auf die innere Stimme horchen – eine gute Strategie und echte Übungssache, um dann irgendwann zu bemerken, ob das Herz sein Ziel erreicht hat.

heimat – sprachsplitter 3

„Deiner Heimat Erde/ruht an keiner Bergwand aus“  (Else Lasker-Schüler)

Westerhever Leuchtturm - Nordsee

 

Unruhe. Seine Heimat. Meine Heimat. Flüchten. Unterwegs sein.

Nicht weiter können.

Eine Bergwand begrenzt.

An einer Bergwand wird man gebremst. Zum Ausruhen gezwungen. Aber derjenige aus dem Gedicht nicht, er ruht nicht aus, er will weiter.

Meine Heimaterde ruht nicht aus. Das bin ich. Ich ruhe nicht aus, sondern will weiter. Immer weiter. Ich will Berge besteigen, andere Ausblicke haben, mehr wissen, mehr erfahren, mehr gestalten.

Zum Ausruhen gezwungen werden, weil es nicht weiter geht. Nicht schön. Ausruhen ist nur freiwillig schön, nicht weil man muss. Ausruhen braucht Freiheit.

Die Verse hat die Dichterin über Ludwig Hardt geschrieben, einen jüdischen Vortragskünstler und Rezitator ihrer Zeit, sehr bekannt und erfolgreich unterwegs mit Gedichten von Heine, Kafka und vielen anderen. Er musste vor den Nazis fliehen und lebte schließlich in New York..

Wenn man erfährt, dass er ausgerechnet aus Friesland stammt, erschließt sich der Vers nochmal neu.

heimat – sprachsplitter 2

„Der Fels wird morsch, dem ich entspringe,                                           und meine Gotteslieder singe“ (Else Lasker-Schüler)

Judenfriedhof
(pixelio.de)

Allen Grund zur Klage hat sie, die Dichterin, die ihre Heimat verlassen musste. Und auch in ihrem Volk und seiner Religion suchte sie zwar eine Heimat, fand sie aber vermutlich nicht in dem Maße, wie sie es sich wünschte.

Sie kann mit ihren Worten einen Felsen morsch werden lassen, sogar den, aus dem sie stammt. Was auch immer für ein Gefühl damit verbunden sein mag.

Wer mag, kann dem Pfad in Richtung Realität nachgehen: Gibt es einen Felsen, dem ich entstamme? Was wäre das? Meine Religion, meine Familie? Mein Heimatort? Meine Tradition?

Und was davon trägt heute noch? Ist noch stabil und belastbar? Was ist „morsch“ geworden?

Was ist der Boden, auf dem ich festen Halt gewinne? Stehe ich damit in Kontinuität zu meiner Herkunft, oder habe ich in mir selbst neue Kraftquellen gefunden?

Die Dichterin singt ihre eigenen Gotteslieder. Sie denkt nicht nur, sie schreibt nicht nur, sie singt sie auch. Damit werden sie schön, die Worte. Sie bekommen einen Rhythmus, sie tragen ein Stück weiter.

Immer wieder neu, trotz allem Verlust, allem Schmerz und allem Grund zur Klage, besteht Else Lasker-Schüler darauf, sich der Wirklichkeit nicht zu unterwerfen. Sondern vielmehr das was darüber hinaus geht, im Blick zu behalten. Und davon vielleicht sogar ein Lied zu singen.